Reise in den Tod: NS-Deportationszug von Münster nach Riga am 13.12.1941

Ehemaliger Gertrudenhof  in Münster – (Sammelpunkt vor den Deportationen 1941/42), Warendorfer Straße, Ecke Kaiser-Wilhelm-Ring. Zuvor war der Gertrudenhof  Kino, Versammlungsraum und Biergarten. Er wurde am 11. Dezember 1941 von der Gestapo beschlagnahmt, um Münsters BürgerInnen jüdischen Glaubens dort vor ihrer Deportation in Richtung Osten zusammenzutreiben. Ziel war das deutsche Ghetto Riga (Lettland), das einem Vernichtungslager gleichkam. Foto: Stadtarchiv Münster.

Der erste Deportationszug aus Westfalen, verließ am Morgen des 13.12.41 den Bahnhof Münster zunächst in Richtung Osnabrück und Bielefeld. Mit ihm sollten aus diesen drei Gestapobezirken 1000 BürgerInnen jüdischen Glaubens nach Riga abtransportiert werden, wobei als „Soll“ für die beiden westfälischen Regierungsbezirke Münster und Minden (mit Lippe und Schaumburg-Lippe) jeweils 400 und für den hannoverschen Regierungsbezirk Osnabrück 200 zu deportierende Menschen vorgesehen waren. Eine Transportliste für den Gestapobezirk Münster ist aus den durch das Amt für Wiedergutmachung sichergestellten Akten bekannt. In dieser sind 403 Namen aufgeführt. Unter Berücksichtigung von 13 Streichungen kann davon ausgegangen werden, dass 390 Menschen dem Teiltransport aus Münster angehörten.

Der Gertrudenhof im September 1941: Eingangssituation mit Filmplakaten. Foto:  Stadtarchiv Münster.

Am 30. Oktober 1941 ordnete die  Gestapo – Leitstelle in Münster an, dass alle Juden in ihrem Zuständigkeitsbereich bis zum 8. November registriert werden sollten. Am 18. November 1941 informierte Gerhard Bast, stellvertretender Kommandeur des Gestapo-Hauptquartiers in Münster, die Oberbürgermeister und die Bezirksbeauftragten über die geplante Deportation von Münster nach Riga. Die für den Transport ausgewählten Personen sollten Kleidung, Bettwäsche und Lebensmittel für drei Wochen mitbringen.

Sie durften Arbeitsgeräte einpacken; In einigen Fällen wurde ausdrücklich angeordnet, eine Nähmaschine, einen Brennofen oder eine Matratze mitzubringen. Die Deportierten mussten auch Ausweispapiere wie Reisepässe oder Arbeitserlaubnisse mitbringen. Das persönliche Gepäck war auf 50 Kilogramm begrenzt und jeder Deportierte musste 50 Reichsmark bezahlen, um seine Deportationskosten zu decken. Die jüdische Gemeinde finanzierte die Deportation der Armen.

Gestapo Münster GutenbergstrasseDamalige Gestapo – Leitstelle in Münster (Gutenbergstraße 17). Der Machtbereich der Gestapo Münster reichte weit: Bis zur niederländischen Grenze mit Nordseeinseln, den Räumen Osnabrück, Lipperland, Minden und Bielefeld, sowie dem nördlichen Ruhrgebiet. Foto: Münster Tube.

Am 19. November 1941 fand in der Finanzverwaltung Münster ein Treffen unter dem Vorsitz von Peter Stangier, stellvertretender Gauleiter (Landrat) von Westfalen-Nord, statt. Zu den Teilnehmern gehörten Vertreter der an der Deportation beteiligten Behörden:  Finanzverwaltung, Gestapo, NSDAP, Polizei und Stadtverwaltung. Das Treffen befasste sich hauptsächlich mit Fragen im Zusammenhang mit Immobilien und anderem Eigentum der Juden, die bald abreisen würden, und die Anwesenden beschlossen, es zu enteignen und zu verwalten. Obwohl das Treffen im Vorgriff auf die Deportation von Juden nach Riga und Minsk einberufen worden war, ist zu vermuten, dass die dort geschlossenen Vereinbarungen auch für das Vermögen von Juden gelten würden, die in den folgenden größeren Deportationen verschleppt wurden.

Bei der Erteilung der Aufträge im Raum Münster erhielten die Gestapo-Niederlassungen in Bielefeld und Osnabrück Richtlinien von der Gestapo – Leitstelle  in Münster und gaben diese weiter. So sandte Wilhelm Pützer, Abteilungsleiter Jüdische Angelegenheiten (IIB3) der Bielefelder Gestapo, am 22. November 1941 eine Mitteilung an die Bezirksbeauftragten und die ihm unterstehenden Bürgermeister, in der er beschrieb, wie die Deportation durchgeführt werden sollte und welche Juden  ihm zugewiesen werden sollen.

Am 10. Dezember durchsuchte die Polizei Häuser in Bielefeld auf der Suche nach jüdischen BürgerInnen die deportiert werden sollten und beschlagnahmte bei ihnen alle gefundenen Wertgegenstände. Danach haben sie die Wohnungen abgeschlossen und die Schlüssel im Hauptquartier deponiert.

Am 11.12.1941 brachten Polizeibeamte die Menschen in den Saal der Gaststätte Kyffhäuser am Kesselbrink in Bielefeld, einem belebten Platz mitten in der Stadt. Auch wenn die Presse weder über das Sammellager noch über die bevorstehende Deportation berichtete, wusste die Bevölkerung von der Aktion. Am helllichten Tage wurden die Menschen per Autobus zum Bahnhof transportiert und mussten dort in einen aus Münster kommenden Zug einsteigen. Dieser erreichte vier Tage später das Ghetto im lettischen Riga. Nur 48 Menschen überlebten letztendlich diese Deportation, unter ihnen 6 BürgerInnen jüdischen Glaubens  aus Bielefeld.

Am 12. Dezember 1942 wurden 420 Juden aus Bielefeld und Umgebung im „Kyffhäuser“ konzentriert, einer Gaststätte, die als Sammelstelle diente. Dort hielten sie sich in der Nacht vor der Deportation auf. Am 13. Dezember wurden sie von dort aus in Bussen zum Bahnhof Bielefeld gebracht und in den Deportationszug verfrachtet, der mit Juden aus Münster und Osnabrück ankam. (Yad Vashem Fotoarchiv)

19 Deutsche jüdischen Glaubens aus Coesfeld erfuhren am 9. Dezember von ihrer bevorstehenden Deportation. Am Morgen des 10. Dezember 1941 wurden sie auf den Schlossplatz gebracht, wo fünf weitere Juden aus der Umgebung auf sie warteten. Dieser Platz war damals von außen schwer einzusehen und deshalb für eine solche Nacht- und Nebelaktion geeignet. Mitnehmen mussten sie: Zahlungsmittel bis 50 Reichsmark, das Geld wurde ihnen in Münster bereits wieder abgenommen (faktisch bezahlten sie selbst die Reise in den Tod), einen Koffer mit Ausrüstungsgegenständen (kein sperrendes Gut), vollständige Kleidung mit ordentlichem Schuhwerk, Bettzeug mit Decke, Verpflegung für drei Wochen (Brot, Mehl, Graupen, Bohnen), Essgeschirr (Teller oder Topf mit Löffel). Ganz wichtig ist noch, was sie nicht mitnehmen durften: Messer, Gabel und Rasierzeug, Wertpapiere, Devisen, Sparkassenbücher, Schmuck und Wertsachen jeder Art (Gold, Silber, Platin) mit Ausnahme des Eherings.

Diese Aufnahme entstand im Auftrag der örtlichen NSDAP-Parteileitung Coesfeld; es zeigt alle Coesfelder Juden, die nach Riga deportiert wurden. Foto: Stadtarchiv Coesfeld.

Alle Deportierten wurden von Anton Walterbusch fotografiert, der bei der örtlichen Parteiführung angestellt war. Dies war einer von mehreren Fällen, in denen offizielle Fotografen, die im Auftrag der nationalsozialistischen Behörden handelten, Deportationen von Juden fotografiert haben, wahrscheinlich zu Propagandazwecken. In Ahaus wurden die Juden in einer Viehauktionshalle in der Nähe des Bahnhofs versammelt, bevor sie in den Zug nach Münster gesetzt wurden.

„Ich sah die Synagoge in Münster brennen“ – Zeitzeuge Rainer Schepper

Das Verkehrsbüro Lüdinghausen und das Verkehrsbüro Theodor Brüggermann in Senden ermöglichten den Transport von Juden aus Lüdinghausen und den umliegenden kleinen Orten. Fünf örtliche Polizeibeamte bezahlten 130 Reichsmark, um die Kosten zu decken. Nach Angaben der Bocholter Stadtchronik mussten auch die Juden in dieser Stadt am 11. Dezember ihre Häuser verlassen und Busse besteigen, die von der Polizeiverwaltung gechartert worden waren, um nach Münster zu gelangen.

Die Stadtchronik Bocholt berichtet von der Deportation:
Auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei wurden 26 Juden aus Bocholt nach Riga deportiert. Der Abtransport erfolgte am heutigen Tage, vormittags, durch einen von der Polizeiverwaltung in Bocholt zur Verfügung gestellten Omnibus. Das Gepäck wurde durch einen Anhänger eines Lastkraftwagens nach Münster transportiert. Die Kosten übernahm die Geheime Staatspolizei.
Wertpapiere, Devisen, Sparkassenbucher usw., Wertsachen jeder Art (Gold, Silber, Platin, mit Ausnahme des Eheringes) durften nicht mitgenommen werden.
Es war den deportierten Juden ferner anheim gestellt, Handwerkszeug (Spaten, Hacken, Schuppen usw.) mitzunehmen. Die Mehrzahl der Juden hat diese Werkzeuge auch mitgenommen. Fahrräder, Ferngläser, Schreibmaschinen, Fotoapparate usw., über die sich die Geh. Staatspolizei das Verfugungsrecht vorbehalten hat, wurden bei der Ortspolizeibehörde vorläufig sichergestellt.

Zwischen 7.00 Uhr und etwa 8.30 Uhr fuhr der von der Ortspolizeibehörde zur Verfugung gestellte Bus an den Häusern vor, in denen die 24 Juden wohnten.

Dies waren die Häuser Bahnhofstraße 16 wo Martha und Berthold Löwenstein, Annemarie und Paul Löwenstein sowie Leopold Markus den Bus besteigen mußten.
Königstraße 9: hier wurden Rahel und Adolf Blumenthal mit den Stiefkindern Edith und Manfred Zytnik sowie Simon Blumenthal aus dem Haus geholt.
Niederbruch 20 oder 20 b: (Hilde, Meta, Selma und Isidor Metzger)
Haus Stiftstraße 32, wo Henny, Paul und Max Hochheimen Cilli-Lila, Ernst, Leo und Otto Landau sowie Max Marcus in den Bus steigen mußten.

Bielefeld, 13. Dezember 1941: Juden warten vor der Deportation mit ihrem Gepäck auf der Straße vor dem „Kyffhäuser“, einer Gaststätte, die als Sammellager diente, auf die Busse. Foto: Yad Vashem.

Aussage von Luzia Sundermann:
„Ich fuhr, wie an fast jedem Morgen, durch den Niederbruch zur Liebfrauenkirche. Dabei fiel mir an diesem kalten Dezembermorgen sofort eine Gruppe Männer auf, die vor dem Haus der Familie Metzger stand. Die Männer hatten Abzeichen am Arm. Als ich näher kam sah ich, daß sie Metzgers aus dem Haus holten. Dabei wurden sie geschlagen; die Frauen weinten. In den Gesichtern der Juden stand Angst, sie sträubten sich. Doch die Männer schrieen sie an. Sie schlugen noch die Scheiben ein. Die Juden mußten in den Bus einsteigen.“

Die im Haus Schwartzstraße 14 wohnenden Ehepaare Speyer und Steinberg wurden wahrscheinlich zur Polizeidirektion Münsterstraße 76 befohlen. Denn an diesem Tag sah eine Verkäuferin aus dem gegenüberliegenden Lebensmittelgeschäft, wie mehrere Personen zur Polizeidirektion kamen. Eine Kundin erwähnte, daß die Personen, die in einen auf dem Königsmühlenweg stehenden Bus einstiegen, Juden seien.

Bernard Steinberg unternahm wie die Stadtchronik vermerkt wenige Minuten vor der Abfahrt des Busses einen verzweifelten Versuch, seine Frau, seine Schwiegereltern und sich selbst vor der Deportation zu retten, da er im kriegswichtigen Interesse tätig wäre. Er setzte sich deshalb mit einem Berliner Bekannten, der Verbindung zum Reichssicherheitshauptamt in Berlin hatte, durch ein Blitzferngespräch in Verbindung, das 184,– RM kostet. Die Gestapo – Leitstelle in Münster teilte auf fernmündliche Anfrage mit, dass von einer Nicht-Evakuierung der Juden Speyer und Steinberg nichts bekannt sei, ist als Ergebnis dieses Telefongesprächs in der Stadtchronik verzeichnet.
Zwischen 8.30 Uhr und 9.00 Uhr verließ der Bus Bocholt und war um etwa 11.00 Uhr am Sammellager im ehemaligen Restaurant Gertrudenhof an der Kreuzung Warendorfer Straße/Kaiser-Wilhelm-Ring in Münster. Hier trafen in den nächsten Tagen bis zum 12. Dezember 1941 insgesamt 403 Menschen aus dem ganzen Regierungsbezirk Münster ein.

Der Transport aus Münster startete am 13. Dezember 1941, um 10:00 Uhr als  Sonderzug vom Güterbahnhof in der Hafenstraße. Der Zug bestand aus Personenwagen der dritten Klasse. Die Gestapo beauftragte den Münsteraner Tierarzt Dr. Alfred Steinberger mit der Ordnung, der Ruhe und der Sauberkeit des Zuges.

Ehemaliger Güterbahnhof Münster. Von hier starteten die Deportationen aus Münster in Richtung Osten. Foto: Münster Tube/Yad Vashem
.

Hier ein Auszug aus dem Bericht des damals achtzehnjährigen Automechanikers Siegfried Weinberg über den Beginn der Deportation in Münster, den er nach seiner Befreiung in Riga durch die Rote Armee niederschrieb:

Am 11. Dezember 1941 wurden meine Schwester und ich, wie auch alle anderen Juden in Münster, von Beamten der Geheimen Staatspolizei verhaftet. Sodann wurden wir in dem großen Restaurant „Gertrudenhof“ unter Bewachung konzentriert. Hier fand bei unserer Ankunft eine große Gepäck- und Leibesvisitation statt. Wehe, wenn man nicht schnell genug war, die Peitschen saßen sehr locker. Messer, Scheren, Rasierklingen, Toilettenartikel, unsere Habseligkeiten wurden aus den Koffern auf einen großen Haufen gekippt. Hieraus „bedienten“ sich die Gestapobediensteten erst einmal an dem, was sie für wertvoll hielten. Den Rest mussten wir wieder zusammenpacken. Alles das geschah unter Peitschenhieben. Lebensmittel und Wäsche wurde uns bis auf etwas Wäsche und Lebensmittel abgenommen. Im Saal sah ich keine Liegen. Als mussten die Menschen aus dem Umland, die schon einen Tag länger hier sein mussten, auf Boden und Stühlen zu schlafen versucht haben.

Am 12. Dezember 1941 abends um 11 Uhr begann der Abtransport zum Güterbahnhof. Etwa 35- 40 Personen wurden in kleine Omnibusse mit Handgepäck hineingezwängt und zum Bahnhof befördert. Der Sadismus und die teuflische Lust der Gestapo am Quälen zeigte sich hier. Lassen Sie mich die Nacht kurz schildern [so Siegfried Weinberg]:

Stockfinster liegt die Nacht. Es regnet. Zwei schwere Tage liegen hinter uns. Denn ich bin ein junger, gesunder Bursch, und ich hielt es für meine Pflicht, einzuspringen und zu helfen, den vielen Familien mit Kindern und alten, kränklichen Menschen. […] Auch so waren meine Gedanken an die letzten, vergangenen Stunden, währenddessen ich eingezwängt im Omnibus stand. Da knirschten die Bremsen, doch noch hielt der Wagen nicht richtig, da wurden schon die Türen aufgerissen. Die Gestapo-Banditen fingen an zu rasen. „Verfluchte Hunde, seid ihr noch nicht raus, aber schnell, sonst hagelt es“ usw. Die älteren Leute wurden natürlich aufgeregt, und wir Jungen warfen unser Gepäck beiseite und halfen, was nur zu helfen war, doch die Schläge hagelten auf uns nieder. Aber willenlos mussten wir alles über uns ergehen lassen. Bis zum Morgengrauen waren dann 400 Juden aus dem Bezirks Münster […] in Personenwagen 3. Klasse zu je 8 – 10 Personen pro Abteil untergebracht. Die Türen des Waggons wurden daraufhin verschlossen. Um 10 Uhr morgens am 13. Dezember setzt sich der Zug in Bewegung. Die Fahrt ging nach Bielefeld (Westf.), wo auch ein Zug von ebenfalls 400 Juden angehängt wurde, sodann weiter nach Osnabrück, wo ein Transport von 200 Juden angehängt wurde. […]“

13. Dezember 1941: Juden steigen im Hauptbahnhof Bielefeld in den Deportationszug ein. Im Zug befanden sich bereits Juden aus anderen Orten, zum Beispiel aus Münster. Foto: Yad Vashem.

Und über die ersten Tage im Ghetto Riga schreibt er:

[…] Am 18. Dezember waren… die ersten Todesopfer zu beklagen… […] Der SS-Sicherheitsdienst – SD – drang in die Wohnungen ein, durchsuchte die Wohnungen und prügelte die Männer, die nicht schnell genug auf irgendeine Frage antworteten. In dem Haus, in dem ich wohnte, wurden zwei Männer vom SD erschossen. Zwei Schüsse fielen, und am anderen Morgen fanden wir die Leichen der Männer, durch Genickschuss getötet, vor dem Haus…[…]“

Weiter schrieb Siegfried Weinberg: „Eine Baracke für 500 Männer war ca. 12 m breit und ca. 20 m lang. Die Kojen waren in fünf Stockwerken übereinander gebaut. Jede Koje war ca. 75 cm hoch. In diesen Kojen wurde nun geschlafen, gegessen und während der Freizeit sich aufgehalten. Die hygienischen Verhältnisse waren menschenunwürdig. Ohne Mantel und Handschuhe in der Baracke sich aufzuhalten, war unmöglich, da in der Baracke eine Temperatur von 1-3 Grad war. Die Eiszapfen hingen von der Decke herab
Im Lager war nur eine Pumpe vorhanden, die aber nur soviel Wasser pumpte, als die Küche zum Kochen benötigte. Wer sich waschen wollte, mußte dies mit Schnee machen. Das ganze Lager war durch Ungeziefer verseucht, Ruhr und Hungertyphus rasten durch das Lager und forderten viele Opfer. Wie lebende Leichen, nur noch ein menschenähnliches Knochengestell, wanderten die Männer durch das Lager. Kauen sich selbst schleppend, mußten Balken und Bretter geschleppt werden ohne Erholungspause. Wagte es jedoch einer, sich wenige Minuten zu erholen und zu verschnaufen, so fuhr (um so) unbarmherziger der Knüppel des Kommandanten oder eines Postens auf ihn nieder. Wer krankgeschrieben wurde, bekam nur 50 % der Ration zugeteilt. Am 2. Januar 1942 wurden die ersten zwei Jungen im Alter von 17 Jahren durch Genickschuss erschossen.
Unter Schlägen und ständigen Todesdrohungen leisteten die Juden in Salaspils härteste Zwangsarbeit. Sie mußten Holz in den Wäldern schlagen, arbeiteten im Sägewerk, Steinbruch, in einer Ziegelei, beim Torfstechen. Salaspils war ein gefürchtetes Todeskommando. Nur wenige Häftlinge überlebten und kehrten krank, zum Skelett abgemagert und völlig verlaust im Sommer ins Ghetto zurück, unter ihnen Achim Laumann/ Oelde, den seine Frau Ellen zunächst nicht wieder erkannte.
Danach blieb Salaspils ein Lagerkomplex für lettische und russische Zivil- und Kriegsgefangene. Ca. 100.000 Menschen sollen hier in deutscher Zeit umgebracht worden sein, darunter 7000 Kinder.

                                                                                                           Ghetto/KZ Riga. Foto: Riga Ghetto Museum 

Ebenfalls Mitte November wurden zwischen vierzig und fünfzig Juden aus Osnabrück darüber informiert, dass sie am 13. Dezember an Bord eines Transports nach Riga gebracht werden würden. Am 11. Dezember wurden die Koffer abgeholt und am 12. Dezember von der Gestapo an das Gymnasium der Pottgrabenschule übergeben. Dort schlossen sie sich 477 (andere Quellen: 200) Juden aus dem gesamten Gebiet an, die vom Gestapo-Hauptquartier in Osnabrück kontrolliert wurden. Obwohl die Akten der Gestapo kurz vor Kriegsende vernichtet wurden, sind diese Deportierten aus elf Orten der Region angereist. Sie mussten sich am 11. oder 12. Dezember auf den Marktplätzen ihrer Wohnorte melden; Von diesen Orten aus wurden sie zur Sammelstelle an der Pottgrabenschule gebracht, wo sie auf Stroh oder nacktem Boden schliefen.

Eine nichtjüdische Frau aus Osnabrück beschrieb diese Tage so:

[…] Juden, die nach Osten transportiert werden sollten, lagen im Gymnasium der Schule am Pottgraben. Man hatte dort Betten aus Stroh gemacht. Als ich mit einer Thermoskanne voller Kaffee den Ort betrat, sah ich dort auch Frau Pelz. Ich fragte einen Gestapo-Mitarbeiter, ob ich jemanden besuchen könne, und er antwortete: „Sie werden sie auf jeden Fall nie wieder sehen. Geh und verabschiede dich von ihr! „ Am 13. Dezember gingen die Deportierten unter Polizeieskorte vom Sammelpunkt der Schule rund zwei Kilometer zum Hauptbahnhof Osnabrück, wo sie in den Deportationszug einstiegen, der sie von Münster aus beförderte. Eine wichtige Informationsquelle über den Transport von 400–420 Juden von Bielefeld nach Riga ist eine Aufzeichnung vom 16. Dezember 1941, die vom Sitz der SD-HAST (Hauptaußenstelle) in Bielefeld an das RSHA gesendet wurde. Seit dem 11. Dezember 1941 hatten sie um 10:00 Uhr die ersten Juden in der Sammelstelle des Restaurants Kyffhäuser „bevorratet“, nachdem sie auf verschiedene Weise an diesen Ort gebracht worden waren. Die Paderborner Juden und ihre Umgebung waren gezwungen, sich an einem Sammelplatz im Schlachthof, dem städtischen Schlachthof am Tegelweg, etwa 200 Meter vom Nordbahnhof der Stadt entfernt, zu versammeln. Der Transport wurde von sechs Polizisten in Zivil begleitet. Die Bezirksleiter in Brake und Detmold verlangten von der Niederlassung Detmold der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland einen LKW, der die Deportierten nach Bielefeld bringen sollte.

Ein deutscher Polizist überwacht die Verladung der Juden in die Waggons des Deportationszuges im Bahnhof Bielefeld, 13. Dezember 1941. (Yad Vashem Fotoarchiv).

Im Bericht der Schupo (Schutzpolizei) über die Deportation der Juden von Schötmar am 10. Dezember 1941 ist folgendes zu lesen: Der Transport in Kraftfahrzeugen begann am 10. Dezember 1941 um 13:45 Uhr. Wertsachen wurden in einem versiegelten und unterschriebenen Umschlag an den Transport-Kommandanten Schmidt aus Detmold übergeben. Der Transport verlief ereignislos. Eine Kopie der Belege für die angeeigneten Wertgegenstände ist beigefügt. Die Juden verbrachten zwei Tage an der Kyffhäuser-Sammelstelle. In dieser Zeit durchlief die Gestapo den Standard-Identifikationsprozess: Überprüfung des Personalausweises, Körpersuche, Überprüfung der Habseligkeiten und Beschlagnahme von Geld, Wertsachen und Dokumenten. Die Juden mussten auch eine Eigentumserklärung unterzeichnen. Obwohl der jüdische Arzt Dr. Freudenthal für den Gesundheitszustand der Deportierten verantwortlich war, litten sie mit ziemlicher Sicherheit unter den düsteren hygienischen Bedingungen und dem Schlafen auf dem Stroh, das auf den Boden gelegt worden war. Am 13. Dezember wurden die Deportierten mit Stadtbussen vom Restaurant zum Bielefelder Hauptbahnhof gebracht. Gegen 15:00 Uhr fuhr der Deportationszug in Bielefeld ein, wo die 400 bis 420 Juden aus Bielefeld und Umgebung die für sie bereitgestellten Waggons bestiegen.

  13. Dezember 1941: Juden warten im Bahnhof Bielefeld auf den Deportationszug. Foto: Yad Vashem.

Am 15. Dezember gegen 23 Uhr traf der Zug aus Westfalen nach fast drei Tagen ohne Trinkwasser im Rangierbahnhof Skirotawa südöstlich von Riga ein. Dort mussten sie die ganze Nacht in klirrender Kälte warten; erst am nächsten Morgen 16. Dezember um 9 Uhr, wurden sie unter Schreien und Schlägen aus dem Zug gezwungen.

Es lag tiefer Schnee. Shirotava war kein Bahnhof sondern eine Station für Frachtgut; die Ankunft fand auf einer Rampe statt. Erschießungen und Prügel, verbunden mit Kommandos, erzeugten unter den physisch und psychisch erschöpften Juden, die den letzten Rest ihrer Habe zurücklassen mußten, die von der SS gewünschte Ohnmacht und Panik. Ein großer Teil der Ankommenden wurde direkt von Shirotava in den Bikernieki-Wald an die Erschießungsgruben getrieben oder transportiert. Schon auf dem Weg dorthin fanden Erschießungen statt.

Im Ghetto fanden wiederholt Selektionen statt, bei denen die Ghettoverwaltung auswählte, wer zu jung, zu krank, zu schwach oder zu alt war, um eine produktive Arbeitskraft im Sinne der deutschen Arbeitseinsatzverwaltung zu sein.
Das für Lettland zuständige, 170 Mann umfassende Einsatzkommando 2 stützte sich dabei auf das Kommando Arajs, die lettische Hilfspolizei, deutsche Ordnungspolizei, die Ortskommandanturen der Wehrmacht und die deutsche Zivilverwaltung. Die Menschen, die bei diesen Kontrollen ausgewählt wurden, erschoss man im Wald von Bikernieki oder man vergaste sie auf dem Weg dorthin in speziell konstruierten Gaswagen, die das Reichssicherheitshauptamt stellte.
Zwischen dem 12. Januar und dem 10. Februar 1942 trafen mehr als 10.000 weitere Juden aus dem Großdeutschen Reich in Riga ein.

                                                                                                                                             Galgen im Ghetto Riga

Nicht alle Juden lebten ständig im Ghetto. Den Charakter einer Außenstelle hatte von vornherein das Lager Jungfernhof. Jungfernhof sollte ein Mustergut für die deutsche Ostkolonisation werden: ein großes Gut mit deutschen Besitzern und Sklavenarbeitern als Arbeitskräften.
Von 2.000 im Winter deportierten lebten im Sommer noch 450 Jüdinnen und Juden, die das Land bestellten die anderen waren auf Grund der unvorstellbaren Lebensverhältnisse oder bei Selektionen ums Leben gekommen. Weitere Außenlager gab es bei Fabriken. Temporäre Lager wurden bei Großbaustellen oder zum Torfstechen eingerichtet.
Allerdings machten SS-Stellen der Zivilverwaltung immer wieder deutlich, dass die wirtschaftliche Ausbeutung der Juden nicht im Vordergrund stehen könne. Vorsitzender des Ältestenrat der Reichsjuden im Ghetto zu Riga war Max Leiser aus Köln.
Der Ertrag der Zwangsarbeit war für die überzeugten Judenmörder eher so etwas wie eine Zugabe zur Vernichtung.

                                                                                                                                                                    Ghetto Riga

Deswegen änderte sich nichts wesentliches, als das Ghetto aufgelöst wurde und die mehr oder weniger systematische Ausnutzung jüdischer Arbeitskraft mit der Errichtung des Konzentrationslagers Kaiserwald und seiner Außenlager vollends Sache der SS wurde.
Himmler ließ das Ghetto Riga zunächst, möglicherweise von Jeckeln initiiert, am 2. April 1943 rückwirkend zum 13. März in das Konzentrationslager Riga umwandeln, was einen Vorteil gegenüber der Zivilverwaltung und einen Machtzuwachs des HSPFF bedeutete. Am 21. Juni ordnete er an, dass Juden im Reichkommissariat Ostland ausschließlich in Konzentrationslagern zusammenzufassen seien. Vermutlich im März 1943 begannen die Bauarbeiten im Rigaer Villenvorort Mezaparks (Kaiserwald).
Im Juni 1943 bestand das KZ Kaiserwald aus höchstens je vier Baracken für Männer und Frauen, wesentlich erweitert wurde das Lager danach nicht mehr.
Trotz der bisherigen Erfahrungen verschlimmerte sich die Situation der hier eingelieferten Häftlinge aus deren Sicht noch. Die Einweisung der ersten Häftlinge im Juli 1943 leitete die Auflösung des Ghettos ein, zahlreiche weitere Juden wurden bei ihren Arbeitsstätten kaserniert. Auch in den kleineren Lagern herrschte Willkür.
Im Gesamtgeschehen dominieren die Einzelmorde aus Tötungslust, zur Bestrafung oder zur Abschreckung. Am 2. November 1943 trieb die Sicherheitspolizei, während die Arbeitskräfte das Ghetto verlassen hatten, alle Kinder und Kranken zusammen und deportierten sie nach Auschwitz, im März 1944 kam es zu einer Kinderaktion in Kaiserwald. Dort und in Salaspils fand das Morden kein Ende.

Das „Erweiterte Polizeigefängnis“ und Arbeitserziehungslager Salaspils. Foto: Bundesarchiv

Ende September wurden die Lager evakuiert, der letzte Transport stach am 10. Oktober 1944 in See, Zielhafen war Danzig, die Häftlinge wurden ins Konzentrationslager Stutthof gebracht; manche von ihnen wurden hier noch zum Opfer der letzten Vergasungen. Andere mussten während der Evakuierung des Lagers noch weiterziehen.

Von den 1.031 Deportierten mit einem Durchschnittsalter von neununddreißig Jahren, darunter vierundsiebzig Kinder im Alter von zehn Jahren oder jünger, überlebten nur 102. Von den 20.000 Juden, die im Winter 1941/42 vom Reich nach Riga transportiert wurden, wurde die Hälfte innerhalb weniger Monate ermordet.

Aus Münster wurden 121 Juden nach Riga verschleppt. 114 von ihnen kamen um: gestorben an Entkräftung, Kälte, Quälerei; erschossen auf dem alten jüdischen Friedhof, im Wald von Bikernieki, in Salaspils, in Stutthof, auf den Hungermärschen. (Von insgesamt 299 aus Münster Deportierten überlebten 24).
Das Ehepaar Goldenberg und Verona Goldschmidt kehrten nach Münster zurück, Siegfried Weinberg erst im Jahre 1948. Denn seine Befreiung in Riga im Oktober 1944 war nur von kurzer Dauer gewesen. Im Januar 1945 wurde er verhaftet und ohne jede Verhandlung im März für dreieinhalb Jahre in ein Lager hei Swerdlowsk am Ural gesperrt. Nach stalinistischer Denkart standen überlebende KZ-Häftlinge generell im Verdacht der Kollaboration, und wer verdächtig war, war schnell schuldig.
Im Münsteraner Wohnungsamt traf Siegfried Weinberg auf dieselben Beamten wie 1940/41. 1949 wanderte er, wie Ruth vorher, in die USA aus. Wilhelmine Süßkind, geborene David, kehrte als einzige der Coesfelder Juden dorthin zurück. Ihr Bruder Paul starb in Kaiserwald, ihr Mann Gustav in Libau. Aus ihrer engeren Verwandtschaft fielen allein 17 Menschen den Nazis zum Opfer.

13. Dezember 1941: Juden spähen aus dem Deportationszug im Bahnhof Bielefeld, 13. Dezember 1941. Inge Friedmann (Rosenthal), eine gebürtige Bielefelderin, die zusammen mit ihren Eltern nach Riga deportiert wurde, beschreibt in ihrer Zeugenaussage die Ermordung ihres Vaters im Ghetto Riga und das Verschwinden ihrer Mutter im KZ Kaiserwald:

„Mein Vater [Paul Rosenthal] und noch zwei Männer, wovon einer Klaus Becher hieß (aus Hannover), wurden in einen bunkerähnlichen Bau eingesperrt. Am 18. November 1942 wurden sie am Prager Platz erhängt und blieben zur Abschreckung drei Tage am Galgen hängen. […] Am 28. Juli 1944 mussten plötzlich alle Lagerinsassen heraustreten… Ich gehörte zu der einen Gruppe, meine Mutter [Betty Rosenthal, geb. Stein] zu der anderen, die abtransportiert wurde. Ich habe meine Mutter nie wiedergesehen.“

Ankunft deutscher Juden im Ghetto Riga

(Teil I) Die Holocaustüberlebende Hilde Schermann schildert die Ankunft eines Deportationszuges in Riga und das weitere Schicksal der angekommenen Juden. (Yad Vashem Deutsch)

Teil II   Teil III  Teil IV  

Verwendete Quellen: Statistik des Holocaust, The International Institute for Holocaust Research, YAD Vashem (Übersetzung: Münster Tube), Volksbund, Tenhumberg, Stadtarchive Münster und Coesfeld, Gisela Möllenhoff und Rita Schlautmann-Overmeyer: Jüdische Familien in Münster 1918–1945. Teil 2.

Die Deportation der Juden aus Deutschland in den Osten

Im Oktober 1941, einige Monate nach dem Angriff auf die Sowjetunion, leiteten die natioalsozialistischen Behörden den Prozess der Deportation der Juden aus Deutschland, Österreich und dem Reichsprotektorat Böhmen und Mähren in den Osten ein. Die ersten Deportationszüge fuhren aus Prag, Wien und Berlin zum Ghetto Lodz. Die Deportation der Juden aus Deutschland, die manche als einen Wendepunkt in der Entwicklung der „Endlösung“ in Europa überhaupt betrachten, wurde von den Nazi-Behörden ab dem Sommer 1941 nach und nach umgesetzt.  Lesen

14 Kommentare zu „Reise in den Tod: NS-Deportationszug von Münster nach Riga am 13.12.1941

  1. Was für ein seltsamer Zufall, denn ich ging vorhin an der jüdischen Synagoge Münster vorbei und las die Inschrift auf dem Gedenkstein, der 1948 aufgestellt wurde. Erschreckend was damals alles möglich war. Hier in Münster, und fast überall in Deutschland. Dass Menschen, Freunde zu Feinden wurden, nur weil Knöpfe in der Psyche der Menschen gedrückt wurden, und dass das alles wirklich relativ nahe an unser aller Leben liegt. Denn die Zeit ist schneller als man denkt. Auch ich wollte mich, wie meine Vorrednerin Brigitte Hornstein bei Euch bedanken, für diesen zeitintensiven und wirklich informativen, und tief in mein Mark erschütternden Artikel. Wenn man sieht, wie die Menschen im „Kyffhäuser“ die Nacht verbringen mussten, auf Stroh, da lagen wie Vieh das auf dem Weg zum Schlachthof ist, da vergeht einem tatsächlich jeder weihnachtliche Gedanke.
    Bitte hört niemals auf mit Euren wirklich wichtigen Berichten. Denn nur so kann man gegen ein Vergessen ankämpfen.
    Wehret den Anfängen, wehrtet, wehret, wehret….immer dar und hört nie auf Euch zu wehren. Schande auf Leute wie die Querdenker, die Corona instrumentalisieren, um unseren Staat so zu formen, wie 1933!
    Dank vielmals für Eure Arbeit.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s