Münster: Gedenkveranstaltung zur Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 33 – Rede: Carsten Peters (DGB)

Münster – Seit 2008 erinnert der DGB Stadtverband Münster alljährlich an die Zerschlagung der Gewerkschaften durch die SA und den Faschismus am 2. Mai 1933, zum dunkelsten Tag der deutschen Gewerkschaftsgeschichte. Die Gedenkrede in der Dammstraße wurde von Carsten Peters (2. Vorsitzender DGB Stadtverband Münster) gehalten.

Auch in Münster wurden an diesem tiefschwarzen Tag die Vorgängerorganisationen des DGB verboten, das Gewerkschaftshaus besetzt und die dort arbeitenden Kolleg*innen mit Berufsverboten belegt, in Haft genommen und in Arbeits- und Konzentrationslager überführt. „Dieses dunkle Kapitel der Geschichte muss uns für immer eine Mahnung sein! Nie wieder Krieg! – Nie wieder Faschismus!“, erklärt dazu der DGB Stadtverband Münster.

Gedenktafel zur Erinnerung an die Verfolgung von Gewerkschaftsmitgliedern und die Zerschlagung der Gewerkschaften 1933 in der Dammstraße in Münster. Sie wurde 2013 enthüllt. Foto: Lothar Hill.

2. Mai 1933, überall in Deutschland: Nazi-Schlägertrupps stürmen die Gewerkschaftshäuser. In Münster erstürmen NSDAP – und SA-Horden das Haus des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in der Dammstraße. Sie verhaften die Gewerkschaftssekretäre Karl Schulte, Fritz Niemeyer, Michael Wenig, Friedel Rabe und Fritz Schmidt. Eine freie Arbeitnehmervertretung gibt es ab sofort nicht mehr. Bis zu diesem Tag dachten die Führungen der freien Gewerkschaften noch, der Nazispuk wäre bald vorbei.

Ein Zeitzeuge berichtet, dass die gefangenen Gewerkschaftsfunktionäre nach den Methoden der SA „verhört“ wurden und dabei bleibende gesundheitliche Schäden erlitten hätten. „Andere wurden zur Zwangsarbeit in die Moorlager in Münsters Umgebung gebracht“, so der Zeitzeuge weiter.

Das Gewerkschaftshaus in der Dammstraße diente gleichzeitig als Verlagsgebäude der SPD-Zeitung „Volkswille“. Im Gebäude befand sich zudem auch eine Filiale der Arbeiterbank sowie die Gaststätte „Zum Felsenkeller“

Dammstraße in Münster (2021), in der sich das ehemalige ADGB – Haus befunden hatte. Foto: Lothar Hill.                                                                    

Am 10. März 1933 durchsuchten SA-Mitglieder das „Volkswille“-Haus. Am 31. März 1933 kam es zu weiteren brutalen Aktionen der SA. Das Gewerkschaftshaus wurde unter den Augen der Polizei erneut durchsucht, Fahnen und Schriftmaterial auf die Straße geworfen und dort verbrannt (Bücherverbrennung). Eine SA-Wache vor dem Haus wurde nach einer Woche durch die Hilfspolizei ersetzt. Es kam zum Diebstahl von Einrichtungsgegenständen und Büroeinrichtungen. Bei Widerstandsaktionen drohte die SA mit weiteren „schärfsten“ Maßnahmen. Der Gewerkschaftssekretär Fritz Niemeyer geriet in sogenannte „Schutzhaft“ und wurde erst am 6. Mai 1933 wieder entlassen. Später kam es zum Abriss des Gewerkschaftshauses.

ADGB Münster Dammstaraße                                                                                                  Dammstraße 1933. Foto: Stadtarchiv Münster.

Der „Volkswille“ der SPD war bereits zehn Jahre zuvor Ziel eines brutalen Anschlages:

Radikale Aktivisten des Ruhrkampfes sprengten am 24. Juni 1923 in Münster das Druckereigebäude der sozialdemokratischen Tageszeitung „Volkswille“ an der Burgstraße 25 in die Luft. Daraufhin wurde ein Partei – und Gewerkschaftshaus an der Dammstraße erbaut, welches am 1. November 1924 bezugsfertig war. Im Laufe der 1920er Jahre wurde das Haus baulich erweitert. Der in ganz Deutschland Aufsehen erregende Sprengstoffanschlag erfolgt aus Enttäuschung darüber, dass der passive Widerstand im Ruhrgebiet nicht in einen neuen Krieg mündet, sondern im Gegenteil der „aktive“ Widerstand mittels Sabotageakten immer mehr eingedämmt wird.

DGB Münster 189

Das Datum des Anschlags, der erste Jahrestag der Ermordung von Reichsaußenminister Walther Rathenau durch rechtsradikale Attentäter, symbolisiert zugleich die Kampfansage der radikalen Nationalisten an die Weimarer Republik. Anlässlich des Jahrestages hatte das Münsteraner Ortskartell der Freien Gewerkschaften zu einer Protestkundgebung gegen rechtsradikale Umtriebe aufgerufen, was dem Hass auf die „Zeitung der Novemberverbrecher“ zusätzliche Nahrung gibt. ´Im März 1925 werden zwei der Attentäter namens Heinz Kükelhaus und Georg Schreiber, Ruhrflüchtlinge aus Essen, die zum Zeitpunkt der Tat 22 Jahre alt waren und unter anderem der Münsteraner Ortsgruppe der NSDAP angehört hatten, zur Mindeststrafe von fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Sie werden nur als ausführende Organe und nicht als intellektuelle Urheber des Anschlags angesehen. Im Februar 1926 wurden beide vorzeitig aus der Haft entlassen.

DGB Münster 11                                       Anschlag auf die Druckerei „Volkswille“. Foto: Westfälischer Merkur, 25. Juni 1923

Die lange Zeit in Münster kursierenden Gerüchte, wonach der ehemalige Freikorpsführer und spätere Oberste SA-Führer Hauptmann a.D. Franz von Pfeffer den Anschlag initiiert hätte, dürften zutreffend gewesen sein, denn von Pfeffer leitet 1923 in staatlichem Auftrag von Münster aus Aktionen des „aktiven“ Widerstands im Ruhrgebiet. Führer des Sprengkommandos ist wahrscheinlich der in Münster ansässige Geheimagent Heinz Kölpin gewesen, der ebenfalls in staatlichem Auftrag im Ruhrkampf aktiv ist. Über beide hält vermutlich die Reichswehr ihre schützende Hand, sodass sie keiner Strafverfolgung ausgesetzt sind.

Dokumentartheater in Münster: „Gegen den Putsch“ – 100. Jahrestag des Kapp-Putsches und der roten Ruhrbewegung

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